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15.11.2009
Auftaktdemonstration zur Kampagne:
125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz
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erinnern aufarbeiten wiedergutmachen
Rund 300 Menschen erinnerten am 15. November 2009 in Berlin-Mitte an die Eröffnung der Berliner Afrika-Konferenz vor 125 Jahren. Zur Auftakt-Demonstration für das gut dreimonatige Gedenken an die Konferenz war von einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, politischen Parteien und Prominenten eingeladen worden. Mit der Kampagne setzt sich das Bündnis für einen grundlegenden Wandel im Umgang mit der deutschen Kolonialvergangenheit und für die Wiedergutmachung kolonialen Unrechts ein.
Die Teilnehmenden versammelten sich an der Gedenktafel in der Wilhelmstraße, wo sich das Palais des Reichskanzlers befand, in dem die überwiegend europäischen Konferenzteilnehmer 1884 zusammenkamen. In seiner Begrüßungsrede wies Sven Mekarides, Generalsekretär des Afrika-Rates Berlin Brandenburg und Sprecher des Bündnisses, auf die gravierenden Folgen des Kolonialismus hin, der auch in Deutschland endlich als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ anerkannt werden müsse. Bis heute würden Schwarze Menschen nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa und Deutschland unter den Folgen kolonialer und neokolonialer Politik zu leiden haben. „Die Zeit des Verdrängens und des Vergessens ist vorbei, " so Mekarides, „Deutschland und die anderen Kolonialnationen müssen sich endlich ihrer historischen Verantwortung stellen und ihre koloniale Vergangenheit aufarbeiten!“.

Karl-Heinz Niedermeyer, Sprecher des Fachausschusses Internationale Politik, Frieden und Entwicklung der Berliner SPD, strich die Nähe von kolonialer und nationalsozialistischer Eroberungs- und Vernichtungspolitik heraus. Der Erstunterzeichner des Kampagnenaufrufs sprach sich für symbolische und – zielgerichtet – auch für materielle Wiedergutmachung außerhalb der Aufwendungen für Entwicklungszusammenarbeit aus. Reparationen, so Niedermeyer sollten den Opfern kolonialer Verbrechen, wie zum Beispiel den Nachfahren der Überlebenden des Völkermords an den Herero und Nama, direkt zugute kommen.

Dr. Victor Dzidzonou vom Afrika-Forum e.V., der die Errichtung der Berliner Gedenkstele zur Afrika-Konferenz in 2004 organisiert hat, konstatierte Deutschlands fehlendes Interesse an einer kritischen Diskussion zur Kolonialgeschichte. Dzidzonou bedauerte die Ignoranz und Verdrängung auf deutscher Seite – ein Desinteresse, dass er auf die Furcht vor Reparationsforderungen von afrikanischer Seite zurückführte. Abschließend forderte der Redner die stärkere Thematisierung unserer kolonialen Vergangenheit in den Schulen.

Eindringlich fragte Reverend Pastor Lo-Lowengo Botembe: „Wo sind die deutschen Politiker und wo sind die Vertreter der deutschen Kirchen an diesem Tag der Erinnerung?“. Der Begründer der Afrikanisch-Ökumenischen Kirche in Berlin/Brandenburg betonte die verheerenden Folgen der Berliner Afrika-Konferenz für den Kongo, der bis heute vom Westen nur als Ausbeutungsobjekt betrachtet werde.
Nach diesen Eröffnungsansprachen brach der Demonstrationszug Richtung Friedrichstraße auf und durchlief dabei auch die „Mohrenstraße“, deren rassistische Bezeichnung von den Bündnisgruppen seit Jahren kritisiert wird. An der Friedrichstraße forderte der Veranstaltungsmoderator Armin Massing vom Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER) die Umbenennung des diskriminierenden Straßennamens, der auf die Zeit der Verschleppung afrikanischer Menschen nach Amerika und Europa durch Brandenburg-Preußen im späten 17. Jahrhundert zurückgeht. Auch hier sollte - wie bei der beispielgebenden Umbenennung des Kreuzberger „Gröbenufers“ in „May-Ayim-Ufer“ - die Erinnerungsperspektive umgekehrt und damit des Widerstandes gegen kolonial-rassistisches Unrecht gedacht werden.

Verlesen wurde im Anschluss die kurze Grußadresse des schweizer Sklavereihistorikers Hans Fässler, Koordinator der transatlantischen Kampagne zur Umbenennung des nach einem rassistischen Naturforscher benannten Agassizhorns. Der Aktivist aus St. Gallen betonte die Bedeutung der erfolgreichen Initiativen für antikoloniale Straßenumbenennung in Deutschland als Inspiration und Ansporn für ähnliche Aktivitäten in der Schweiz, wo im letzten Jahr die St. Galler „Krügerstraße“ (benannt nach Ohm Krüger) aus dem Stadtbild entfernt wurde.
Die Umbenennung von Straßen, die Kolonialverbrecher ehren, forderte auch der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90 / Die Grünen Christian Ströbele. Es wäre „ein Skandal“, fuhr Ströbele fort, dass wir uns für Afrika nur dann interessierten, wenn es gälte, billige Rohstoffe zu erwerben, nicht aber, wenn seine Flüchtlinge an Europas Grenzen ertrinken würden. Deutsche und europäische Politiker im Bundestag, in der Bundesregierung und auch im Europaparlament müssten endlich die historische Verantwortung für den Kolonialismus übernehmen, der mit rücksichtsloser Ausbeutung und schlimmsten Verbrechen einherging.

Dass die Berliner Afrika-Konferenz als entscheidender Schritt zur „systematischen Ausplünderung“ des Nachbarkontinents gesehen werden sollte, betonte auch Iseewanga Indongo-Imbanda. Mit der Enteignung der afrikanischen Bevölkerung am Berliner Konferenztisch, so der Soziologe, hätten die Europäer demonstriert, dass sie ungeachtet aller Verlautbarungen über Humanität, Zivilisation und Fortschritt „Macht vor Recht“ stellten, wenn es ihren Interessen diente.

Andreas Rosen, Mitarbeiter der Stiftung Nord-Süd-Brücken, akzentuierte die anhaltende Arroganz der Europäer gegenüber Afrika und forderte auch für den Bereich der Entwicklungszusammenarbeit einen grundlegenden Diskurswechsel: „Statt immer wieder über Afrika zu reden, sollte doch endlich mit und vor allem von Afrikanern selbst über Afrika gesprochen werden“, so Rosen. „Ich fürchte nur“ ergänzte der Redner, „dass diese Dinge gegen uns, gegen die etablierte Entwicklungszusammenarbeit durchgesetzt werden müssen.“

Ihren Abschluss fand die Demonstration vor der Neuen Wache Unter den Linden, wo im vorhergehenden „Totengedenken“ des Bundespräsidenten zum „Volkstrauertag“ die Opfer des deutschen und europäischen Kolonialismus erneut übergangen worden waren. An sie erinnerte nun der Kampagnensprecher Christian Kopp von Berlin Postkolonial: An Millionen von Menschen, die Leopolds furchtbarem Régime im „Kongo-Freistaat“ zum Opfer fielen, an Hunderttausende von Männern, Frauen und Kindern, die in Deutschlands genozidalen Kolonialkriegen ihr Leben lassen mussten und schließlich auch an die zahllosen afrikanischen Menschen, die von den anderen europäischen Kolonialmächten beraubt, ausgebeutet, gedemütigt und getötet wurden. „Ohne Europas selbstkritische Aufarbeitung des Kolonialismus,“ schloss der Redner, „ohne die Übernahme von historischer Verantwortung und ohne die Bereitschaft zur Wiedergutmachung wird sich eine auf gegenseitiger Achtung basierende Partnerschaft zwischen den Kontinenten nicht entwickeln können.“
Sevim Dagdelen, Bundestagsabgeordnete von Die LINKE, betonte, dass auch 125 Jahre nach der Berliner Afrika-Konferenz die Geschichte des Kolonialismus und des Imperialismus nicht vorbei wäre. „Die Grundstruktur erzwungener Abhängigkeit,“ so Dagdelen, „ist geblieben. Nur die Methoden haben gewechselt. „[...] Umso mehr“ mahnte die Politikerin, „braucht es der kritischen Reflexion der kolonialen Vergangenheit und der rassistischen Prägungen der Gesellschaft“, eines historischen Bewusstseins, das zum engagierten Handeln in der Gegenwart befähige. Besonders scharf kritisierte Dagdelen Europas menschenverachtende Abschottungspolitik sowie den Militäreinsatz in Somalia, der imperialistische Ziele verfolge.

Moctar Kamara, Koordinator des Komitees für ein afrikanisches Denkmal in Berlin (KADIB), rief die Teilnehmer/innen der Demonstration zu einer Schweigeminute für die Opfer des Kolonialismus auf. Von der Bundesregierung forderte der Organisator des alljährlichen Berliner Gedenkmarsches die Einrichtung eines nationalen Gedenktages für die Opfer von Sklaverei, Sklavenhandel und Kolonialismus sowie einen Aktionsplan zur effizienten Bekämpfung von Rassismus, der gemeinsam mit Schwarzen Menschen erstellt werden sollte.
Evrim Baba, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin für Die LINKE, strich die besondere historische Verantwortung der ehemaligen Kolonialmetropole Berlin heraus. Der Senat müsse dieser Verantwortung endlich gerecht werden: Notwendig wären u.a. eine Bundesratsinitiative des Landes Berlin für ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer des Kolonialismus und die Rückgabe von Kulturgütern, die während der deutschen Kolonialzeit geraubt wurden und bis heute in Berliner Museen gezeigt würden. Es wäre beschämend, so Baba, dass die Regierung Berlins das Gedenken an dieses weltgeschichtliche Ereignis zivilgesellschaftlichen Initiativen überlassen würde, die bisher weder finanzielle noch personelle Unterstützung erfahren hätten.

Marianne Balle Moudoumbou von der Pan-African Women's Empowerment and Liberation Organization (PAWLO-Germany) wies darauf hin, dass Europas Feierlichkeiten zum Fall der Berliner Mauer in einer Zeit stattfänden, in der um die „Festung Europa“ ein neuer Eiserner Vorhang gezogen würde. Sie kritisierte das Ausbleiben einer kritischen Aufarbeitung des Kolonialismus in Deutschland, das doch nicht zuletzt während der Berliner Afrika-Konferenz eine gewichtige Rolle im Prozess der gewaltsamen Kolonisierung des afrikanischen Kontinents gespielt hätte.
Das Organisationsteam der Veranstaltung zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf und der öffentlichen Resonanz auf die Demonstration in Berlin-Mitte. Die Kundgebung war die mit Abstand größte Berliner Gedenkveranstaltung zu Deutschlands kolonial-rassistischer Vergangenheit seit Jahren, obwohl die Kampagne zum 125. Jahrestag der Afrika-Konferenz am 15. November erst eingeläutet wurde. Für den Gedenkzug zum Kampagnenabschluss am 26. Februar 2010 rechnen die Organsitoren daher mit einer noch stärkeren Beteiligung.
Video: Auftaktdemonstration der Kampagne "125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz"
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Video: Rede von Hans-Christian Ströbele, MdB Bündnis 90 / Die Grünen
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Video: Rede von Sevim Dagdelen, MdB Die LINKE
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Christian Kopp, Berlin Postkolonial
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